Über uns

Das Fachgebiet Europäische Planungskulturen widmet sich in Forschung und Lehre den vielfältigen Prozessen und Mechanismen der Europäisierung der Raumentwicklung und Raumentwicklungspolitik. Europäisierung der Raumentwicklungspolitik verstehen wir als vielfältigen Prozess der Anpassung und des Wandels der Inhalte, Instrumente und Diskurse der Raumentwicklungspolitik auf den verschiedenen Ebenen (EU, Nationalstaat, Region, Kommune). Ein Verständnis der europäischen Institutionen und Politikprozesse ist Voraussetzung der Analyse dieses Wandels und daher ein fester Bestandteil der Lehrveranstaltungen. Beobachtbar wird Europäisierung zunächst anhand von Förderprogrammen zur Unterstützung der grenzüberschreitenden Kooperation (INTERREG bzw. jetzt Europäische territoriale Zusammenarbeit), von offiziellen Dokumenten wie dem Europäischen Raumentwicklungskonzept (EUREK) oder zuletzt der Territorialen Agenda der Europäischen Union sowie Projekten der europäischen Verkehrs- oder Strukturpolitik. Ein wesentlicher Teil der Europäisierung betrifft aber Fachdiskurse, Leitbilder der Raumentwicklung oder sich verändernde Selbstverständnisse der Planer und findet somit jenseits der formalen europäischen Institutionen und Instrumente statt.

Auf die wachsende Bedeutung der Europäischen Union für die Raumentwicklungspolitik haben sich Staaten, Regionen und Kommunen jeweils auf ihre Weise eingestellt. Beispiele sind das Europakonzept der Stadt Frankfurt am Main, der EU-Jour fixe der Metropolregion Hamburg sowie das Europa-Büro der Region Stuttgart in Brüssel. Zu erwähnen ist auch das Netzwerk der europäischen Metropolregionen METREX oder das Konzept der “Europäischen Metropolregionen in Deutschland” in der deutschen Raumordnung.

Die mit dem Prozess der Europäisierung verknüpfte Diffusion von Ideen, Leitbildern und Instrumenten führte bisher zu einer gleichzeitigen und manchmal auch widersprüchlichen Homogenisierung und Heterogenisierung der nationalen Planungspraktiken in Europa. Unterschiedliche Planungskulturen sowie lokale, regionale und nationale Identitätsbehauptungen rufen eine Situation hervor, in der sich eine europäische Raumentwicklungspolitik trotz zahlreicher Initiativen, Konzepte und Leitbilder als kontingent, also als weder notwendig noch unmöglich, aber immer wieder entscheidbar darstellt.

Im Gegensatz zur Raumentwicklungspolitik bezieht sich Europäisierung der Raumentwicklung auf die faktischen Prozesse der Raumbildung, die sich aus der stetig wachsenden Mobilität von Personen, Informationen und Gütern ergeben. Dies resultierte auch in der europäischen Raumentwicklung in einer post-nationalen Konstellation, an die sich nationale Raumentwicklungsstrategien – auf allen Ebenen – nur mühsam anpassen. Welche Folgen haben also Migration und Mobilität und damit verknüpfte Praktiken der Raumkonstitution für die europäische Raumentwicklung? Welche groß- und kleinräumigen Raumkonstellationen bilden sich heraus? Wie verändern sich Räume (Staaten, Regionen, „places“) und darauf bezogene soziale Sinnstrukturen? Jenseits einer Perspektive, die sich auf formale Institutionen und Kompetenzen der Raumentwicklung konzentriert, kommt so die Dimension des Alltäglichen in der Europäisierung des Planens in den Blick, die die Grundlage einer Auseinandersetzung mit Europäischen Planungskulturen in einer praxeologischen Perspektive sein kann.